Reportage Tafel

Es bleibt immer was übrig

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Catering inside begleitete Aktive der Berliner Tafel auf einer ihrer Touren zum BCC-Caterer, das Catering des Berliner Congress Centrums. Seit zwei Jahren kooperiert das Unternehmen mit der Tafel. Und es funktioniert.

An einem Samstagnachmittag im März beginnt für Timo Schmitt die Arbeit. In Halle 30a auf dem Gelände des Berliner Großmarkts, an der Beusselstraße im Stadtteil Moabit, trifft er auf seine Kollegen und freiwillige Helfer, die das Rückgrat der Tafel bilden. In der tausend Quadratmeter großen Halle stapeln sich bereits Kunststoffkisten mit Lebensmitteln: Von Orangen, Bananen und Trauben reicht das Angebot bis zu Salaten, Äpfeln, Blumenkohl oder Tomaten. Doch die Kisten lagern nicht einfach zufällig nebeneinander. „Wir haben hier im Lager ein eigenes Sortiersystem aufgebaut“, sagt Schmitt, Hygienebeauftragter der Berliner Tafel. „Denn Äpfel oder Tomaten entwickeln ein Reifegas, das dann zum Beispiel Bananen oder Salat schneller altern lässt. Deshalb stehen Kisten mit diesen Früchten nie direkt nebeneinander. In einer gekühlten „Schatzkammer“ wiederum lagern Molkereiprodukte, Eier, Joghurt sowie Aufschnitt. In einem extra Brotraum die Backwaren. Ä hnlich wie im Warenlager eines Lebensmittelgroßhandels versucht die Tafel, die verschiedenen Temperaturzonen der Halle für die unterschiedlichen Waren zu nutzen. Der Unterschied ist nur, dass diese Waren allesamt zum Beispiel von Spendern stammen, die diese kostenlos abgegeben haben – und die dann an die aktuell 45 Ausgabestellen der Tafel in Berlin, von Laib und Seele sowie an über 300 soziale Einrichtungen verteilt werden. Draußen vor dem Depot parken derweil die Transportfahrzeuge der Tafel. „Aktuell verfügen wir über 19 Fahrzeuge“, sagt Robert Hedram, Leiter der Logistik. „Dazu gehören Kühltransporter, ein Tiefkühl- und zwei Elektrofahrzeuge. Damit unterhalten wir den modernsten Fuhrpark aller Tafeln in Deutschland.“ Vor allem Mercedes Benz unterstützt sie mit günstigen Konditionen beim Kauf der Fahrzeuge. Bis zu einer Tonne Lebensmittel können die Transporter laden – und während großer Events wie der Internationalen Grünen Woche fällt besonders viel Essen an. So verfügt der Fuhrpark über ein eigenes Management. „Wie viele Autos gerade benötigt werden, wo sich ein Fahrzeug gerade befindet – das alles wird bei uns elektronisch und GPS-gestützt auf Tablets erfasst und verwaltet“, sagt Hedram. „So können wir sparsam wirtschaften und unsere Flotte besser auslasten.“


Während die Autos von Geldspenden gekauft werden, sind deren Fahrer meist ehrenamtlich Aktive. Einer von ihnen ist Demeter Georgiev. Einmal in der Woche setzt er sich in seiner Freizeit hinter das Steuer eines Transporters, um Lebensmittel bei Spendern abzuholen. „Ich helfe aus Überzeugung“, sagt Georgiev, der seit einem Jahr dabei ist. „Die Mitarbeiter hier sind alle sehr engagiert, das ist wie eine große Familie.“ Anfangs hatte er vor allem beim Sortieren mitgearbeitet. „Jetzt fahre ich Transporte. Meistens am Wochenende, wenn die Straßen leerer sind und der Verkehr flüssiger läuft.“ Dann steigen Timo Schmitt und er ins Fahrerhaus – und los geht die Fahrt zum Berliner Congress Centrum (BCC) am Alexanderplatz. Unterwegs erzählt Schmitt, wie er selbst zur Tafel stieß. „Im Zuge meines Studiums der Ökotrophologie absolvierte ich bei der Berliner Tafel ein Praxissemester“, sagt er. „Das war vor sechs Jahren. Ich baute dabei mit einer Kolleg in das KinderImbisAktiv-Angebot KIMBA auf und entwickelte Kochkurse für Kinder. Darüber habe ich dann auch mein Diplom geschrieben.“ Parallel dazu übernahm er Hygieneaufgaben – und erhielt vor sechs Jahren bei der Tafel eine der wenigen festen Stellen als Kochlehrer und Hygienebeauftragter: „Rein rechtlich sind wir als Inverkehrbringer nach der deutschen Lebensmittelverordnung ein Lebensmittelbetrieb.“ Deshalb werden alle Mitarbeiter und Fahrer auf diesem Gebiet auch regelmäßig geschult – und das sehr gründlich. „Wir Fahrer wissen genau, welche Waren wir mitnehmen dürfen und können und welche wir stehen lassen sollen“, sagt Georgiev. „Welche Putzmittel wir für welches Material verwenden können, damit zum Beispiel Kunststoff nicht angegriffen wird, welche Behälter lebensmittelecht sind, wie wir Betriebs- und Arbeitsplatzhygiene erhalten – das lernen wir für unsere Aufgabe im Detail.“ Denn nur wenn keine Gesundheitsgefahr besteht und die Waren in hygienisch einwandfreiem Zustand sind, nimmt die Tafel sie entgegen.


Unterdessen sind Timo Schmitt und Demeter Georgiev mit ihrem Transporter am Berliner Congress Centrum angekommen, wo sie am Hintereingang schon René Gitter erwartet. Er ist beim Catering im BCC für Service und Küche verantwortlich. In der Küche putzen seine Mitarbeiter gerade die Kochflächen. „Was wir zuviel an Essen produzieren, geben wir an die Tafel ab“, sagt er. „Wenn wir jemandem damit helfen können und Bedürftige damit unterstützen, reichen wir Übriggebliebendes gerne weiter.“ Seit zwei Jahren gehört das BCC-Catering nun schon zu den treuen Partnern der Berliner Tafel. Bisher kooperieren lediglich drei weitere Caterer in der Stadt mit dem Verein. Die Zusammenarbeit funktioniert gut: Teilweise können die Tafeltransporter sogar täglich beim BCC vorbeikommen, wo Kongresse und Tagungen für bis zu 3.000 Teilnehmer mit Catering versorgt sein wollen. „Wir planen sehr betriebswirtschaftlich, doch in der Regel bleibt immer etwas übrig“, sagt G itter. Mal sind das kiloweise Spaghetti, Eimer voller Suppen oder Chili con Carne, Kuchen oder Joghurt. Einmal blieben 200 Liter selbst gepresster Apfelsaft übrig sowie Gulaschsuppe beziehungsweise ein Pilzgericht. „Wir schicken der Tafel immer eine Liste, wann eine Veranstaltung läuft, damit sie sich rechtzeitig darauf einstellen kann“, sagt Gitter. Auf eigenen Lieferscheinen für Tafel-Fahrer wie für die Sponsoren wird dabei dann genau festgehalten und dokumentiert, was wo abgeholt wurde. Das sichert die Rückverfolgbarkeit auch rechtlich ab. Dann hievt Demeter Georgiev die Ware des heutigen Tages sauber in Kisten und Eimer verpackt und gut befestigt in den Laderaum – und die wird sofort weiterverteilt: Mit Schwung schiebt Timo Schmitt die Seitentür des Transporters nach dem Einladen zu und die Fahrt geht weiter zur vorletzten Station an diesem Tag. Das Ziel ist jetzt die Notübernachtung der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße. Bis zu zweihundert Schlafplätze bietet das Heim Wohnungslo sen, gerade auch in der kalten Jahreszeit. Und etwas Warmes zu essen. Dafür sorgt Koch Klaus-Dieter Hoppe, der gerade mit einem überdimensionierten Löffel in einem großen Topf Eintopf anrührt. „Ich muss mit dem, was wir gerade als Spende erhalten, immer etwas zaubern“, lacht er und hilft Georgiev und Schmitt beim Ausladen der heutigen Fracht. Drei Notunterkünfte in Berlin bekochen er und sein Team, sechshundert Portionen Eintopf kommen da schnell zusammen. Niemand in Berlin soll hungern – und auch in der Hauptstadt wächst die Armut, bei älteren Mitbürgern wie auch bei denen, die wegen steigender Mieten weniger Geld für Lebensmittel übrig haben. Da ist die Hilfe der Tafel immer willkommen. Für Schmitt und Georgiev geht ihr Einsatz an diesem Tag nun dem Ende entgegen.